Kolonialmöbel
Kolonialmöbel entstanden – nomen est omen – zum Höhepunkt des britischen Imperialismus. Von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts erstreckte sich das viktorianische England weit über seine Landesgrenzen hinaus vom heutigen Singapur bis nach Ostafrika und von Indien bis in die British West Indies. Die übersiedelnden Engländer brachten dabei nicht nur ihre Vorstellungen von Regierungs- und Wirtschaftsformen, sondern auch ihre ästhetischen Ideale mit – nebenbei hatten sie, ganz praktisch gesprochen, ihren ganzen Haustand im Gepäck. In den Tropen angekommen, vermischte sich der viktorianische Möbel-Stil bald mit einheimischen Mustern, Formen und Hölzern. Der nach einigen Jahrzehnten resultierende Stil wurde bald als Kolonialstil bekannt.
Kolonialmöbel zeichneten sich von Anfang an durch die Verwendung tropentauglicher, lokal verfügbarer Harthölzer wie Mahagoni oder Teak aus und integrierten neuartige, vor Ort wachsende Materialien wie Rattan und bestimmte Lederarten. Auch verloren Kolonialmöbel viel von ihren Schnörkeln und Ziselierungen zugunsten robusterer bzw. schlichterer Formen. Das Schnitzwerk der Kolionalmöbel nach englischen Mustervorgaben wurde von einheimischen Kunstschreinern um lokale Ornamente wie tropischen Früchten ergänzt.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich bei Kolonialmöbeln einzelne Stilschulen heraus, meist auf organischem Weg durch Anpassung an die spezifischen Nutzungsweisen. So entwickelte sich ein typischer Kolonialmöbel Plantagen-Stil, der unter anderem den bis heute bekannten Plantagen-Sessel produzierte. Die traditionellen, lamellenartigen Fensterläden der Plantagenhäuser wurden in Schranktüren integriert. Deckenventilatoren wurden Dekorationsmaterial und Nutzmöbel.
Indische Kolonialmöbel wiederum arbeiteten mit Materialien wie Elfenbeinintarsien (die heute umweltschonender hergestellt werden) und vielen Spiegelflächen. Tischbeine, die an Schreinerarbeiten in hinduistischen Tempeln erinnern, wurden ausgefeilt bzw. gedrechselt. Stoffe und Kissen wurden verschwenderisch auf niedrige Sofas drapiert, und durch farbenfrohe Teppiche ergänzt.
Auch der Camping-Style setzte sich durch. Ihn charakterisieren leichte, tragbare und vielseitige Kolonialmöbel, die häufig mit Canvas-Stoffen kombiniert werden. Auch neue, vorher ungesehene Accessoires zeichnen den Kolonialstil aus. Sie waren meist ebenso schön wie praktisch und wichen ab von der vorher gefeierten Verwendung von Silber oder Glas. Hartholz-Leuchter und tragbare Kolonialmöbel wie Schrankkoffer waren sehr begehrt. Bis heute haben weder die Kolonialmöbel selbst noch die Accessoires ihren tropischen Charme eingebüßt. Kolonialmöbel werden oft noch nach denselben traditionellen Methoden in den Ursprungsländern hergestellt.